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Im Wasser gefangen PDF Print E-mail
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Written by THUMILAN SELVAKUMARAN   
Tuesday, 24 January 2012 12:37
Stefanie Schäfer aus Pfedelbach überlebt das Unglück auf der Costa Concordia

Das einzige, was Stefanie Schäfer vom Schiff mitnehmen konnte: einen Teil ihrer Rettungsweste und ihr Namensschild. Freund Tobias Püschel freut sich, dass die 23-Jährige wieder zu Hause in Pfedelbach ist. Foto: Thumi Den lauten Knall nimmt sie gar nicht wahr. Es ist Freitag. Die Kosmetikerin hat gerade eine Übung mit dem Sicherheitsoffizier auf Deck 12 absolviert - im Spa-Bereich, ihrem Arbeitsplatz. "Der Offizier sagte noch: ,Nehmen Sie das hier ernst. Hoffentlich kommen Sie nie in eine solche Situation." Doch die Realität wird Stefanie Schäfer ein paar Minuten später einholen. "Bizarr", sagt sie heute.

Die blonde Frau mit den dunklen Augen sitzt in ihrer Wohnung in Pfedelbach und greift nach ihrer Kaffeetasse.

Sie wirkt gefasst, sie redet schnell. Die 23-Jährige ist am Sonntag vorzeitig von ihrem Arbeitseinsatz auf dem Kreuzfahrtschiff Costa Concordia zurückgekehrt.

"Dass draußen Chaos herrschte, konnten wir im geschlossenen Spa nicht sehen." Erst als kurz nach 22 Uhr, also 20 Minuten nach der Kollision mit einem Felsen vor der italienischen Insel Giglio, das Horn zweimal ertönt, realisiert das Team, dass etwas nicht stimmt. "Das war das versteckte Zeichen für die Crew, dass Wasser ins Schiff eindringt." Es gebe klare Vorgaben. "Bei diesem Alarm müssen wir an Ort und Stelle bleiben und auf Befehle warten." Vom Kapitän kommt nichts, daher warten auch die Offiziere. Eigenmächtig dürfe keiner handeln. In Schäfers Abteilung beginnen einige der jungen Frauen zu hyperventilieren, andere übergeben sich aus Angst. Sie selbst bleibt cool. "Ich dachte, dass wird schon nicht so dramatisch sein."

Eine Stunde nach der Havarie ertönt das Seenotsignal. Allen wird klar: Es bleibt nur die Evakuierung. Das havarierte Schiff liegt auf Steuerbordseite vor der Insel Giglio. Foto: dpa Stefanie Schäfer ist für die Hilfe vor dem Rettungsboot Nummer 20 an Backbord zugeteilt. Sie macht sich auf zum vierten Deck. Das Schiff liegt bereits in Schräglage, die Gänge sind voll mit Passagieren, viele in Panik. "Es war verdammt schwierig, durchzukommen."

Sie braucht einige Minuten. "Dort war schon eine riesige Traube vor dem Rettungsboot, viele saßen drin." Schäfer versucht, für etwas Ordnung zu sorgen - muss aber einsehen, dass sie gegen die panische Masse nichts ausrichten kann. "Die haben mich angeschrien oder um sich geschlagen." Statt vier weiteren Helfern kommt nur noch eine zur Unterstützung.

"Wir haben beruhigend auf die Menschen eingewirkt und überprüft, ob Rettungswesten richtig sitzen." Stefanie Schäfer selbst rutscht mit ihren dünnen Ballerinas auf dem nassen Deck mehrfach ab.

45 Minuten dauert es, bis fast alle Passagiere auf dem Weg zur Küste sind. Für die Crew gibt es einen eigenen Treffpunkt: eine Etage tiefer. Dort angekommen, neigt sich das Schiff immer weiter. "Wir standen im Gang und haben das grüne Wasser auf unserem Deck ansteigen sehen. Das Licht ging aus." Nun wird auch sie von der Angst gepackt.

Sie nimmt einen tiefen Schluck aus der Tasse, erzählt von den schönen Momenten an Bord. Zwei Monate hat sie dort als Kosmetikerin gearbeitet, noch sieben sollten folgen. "Täglich bis zu elf Stunden war ich im Einsatz. Man vermisst den Sonntag unglaublich." Freie Tage gibt es nicht. "Wenig Schlaf, viel Spaß", sagt die Pfedelbacherin.

An ein Unglück habe sie nie gedacht. Ihr Lebensgefährte Tobias Püschel hatte dagegen etwas Angst und versucht, ihr das Vorhaben auszureden. Doch es geht um den Lebenstraum von Stefanie Schäfer, sie setzte ihre Idee durch.

Wochenlang wurde sie auf ihre Arbeit auf dem Schiff vorbereitet, musste sogar zu einem Kurs nach London. "Anfangs haben wir an Bord täglich ein Sicherheitstraining absolviert, dann wöchentlich."

Schäfer kritisiert den Kapitän. "Er hätte auf dem Schiff bleiben müssen. Wäre der Alarm rechtzeitig ausgelöst worden, wäre die Evakuierung problemlos verlaufen." Sie weiß, dass sich auch Crew-Mitglieder falsch verhalten haben. "Ich habe Verständnis: Das ist eine Extremsituation." Der Großteil der Angestellten habe geholfen, einige bis um fünf Uhr morgens - "mit der Gefahr, samt Schiff unterzugehen."

Es ist 20 Minuten vor Mitternacht. Schäfer steht noch immer im Gang des Schiffs und leiht sich ein Handy. Zu Hause geht nur der Anrufbeantworter ran. Vieles geht ihr in diesem Moment durch den Kopf. Auch der Film Titanic. "Ich dachte, wenn das Schiff untergeht, reißt es mich mit in die Tiefe. Ich wollte unter keinen Umständen ins Wasser." Doch der Pegel steigt im Gang unaufhaltsam. "Da schwammen viele Schuhe drin, ich dachte, die seien von Leichen. Das war zum Glück nicht so."

Langsam verschließt das Wasser die letzte Türe nach draußen. Als nur noch 50 Zentimeter frei sind, steigt die Pfedelbacherin doch ins kalte Nass und rettet sich nach draußen. "Sonst wäre ich da drin gefangen gewesen." Mit einer Kollegin schwimmt sie in völliger Dunkelheit zu einer Rettungsinsel, die massiv überfüllt ist. Drinnen steht das Wasser sehr hoch. Panik herrscht. Die 23-Jährige sieht nur sekündlich etwas, wenn die Birne an der Rettungsweste rot blinkt.

Passagiere klettern auf die mit Luft gefüllte Rettungsinsel, die in sich zusammenfällt. "Das war schlimmer als auf dem Schiff, ich war zwischen den Planen im Wasser gefangen." Mit der Angst zu ersticken flüchtet die Kosmetikerin ins Meer. Kurz darauf wird sie auf ein Boot gezogen. Stark unterkühlt kommt sie nach sechs Stunden ins Hotel.

Nun sitzt Stefanie Schäfer Zu Hause. "Ich habe in meiner Kabine auf Deck 0 alles zurücklassen müssen." Papiere, die Gehälter, Abzeichen und Fotos. Schmerzen an Hüfte und Schulter begleiten sie. "Der Arzt hat mir zu einer psychologischen Behandlung geraten."

Das, was vor einer Woche geschehen ist, hat sie noch nicht verarbeitet. Die Bilder werden sie bald einholen, das weiß sie. Stefanie Schäfer denkt an die Menschen, die verunglückt sind, auch an ihr "Haus", mit dem sie emotional stark verbunden sei, wo sie gelebt und gearbeitet hat: die Costa Concordia, die nun droht, in die Tiefe abzurutschen.

- THUMILAN SELVAKUMARAN

Quelle - Haller Tagblatt
Erscheinungsdatum, -zeit: Samstag 21.01.2012, 7:30 Uhr

 

Last Updated on Tuesday, 03 December 2013 13:32