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Pannenserie oder Absicht? Die Behörden und der NSU PDF Print E-mail
Literatur - புத்தகங்கள்
Written by AXEL HABERMEHL   
Tuesday, 27 May 2014 21:44

Am Montag erscheint ein neues Buch über die Neonazi-Terroristen des NSU. Einer der Autoren, Thumilan Selvakumaran, ist Redakteur des HALLER TAGBLATTS und hat bereits einige Verbindungen des NSU nach Baden-Württemberg aufgedeckt.

 

Erscheint am Montag unter Beteiligung des Schwäbisch-Haller NSU-Experten Thumilan Selvakumaran.

Es ist nun schon mehr als zweieinhalb Jahre her, dass die deutsche Öffentlichkeit von einer mordenden Neonazi-Terrorgruppe erfuhr, die sich Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) nannte. Zweieinhalb Jahre, in denen zwar eine Diskussion über Alltagsausländerfeindlichkeit im Land und Rassismus innerhalb seiner Sicherheitsbehörden entstand, in denen eines aber nicht glückte: Lückenlose Aufklärung.

Trotz parlamentarischer Untersuchungsausschüsse, Ermittlungen diverser Polizei- und Geheimdienstbehörden, eines riesigen noch laufenden Gerichtsprozesses und etlicher recherchierender Journalisten sind längst nicht alle Fragen rund um die zehn Morde des NSU geklärt. Es scheint sogar, als kämen immer wieder neue Fragen neue hinzu.

Bücher zum Thema sind inzwischen mehrere erschienen. Manche richten ihren Blick auf die Biografien von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, andere auf deren Einbettung in die nach der Wende - nicht nur, aber besonders - in Ostdeutschland aufblühende rechtsextreme Szene. Wieder andere behandeln die politische Aufarbeitung des Komplexes und das umfangreiche Versagen zuständiger Behörden.

Genau damit befasst sich auch ein neuer Sammelband zum NSU, der am Montag erscheint, und zu dessen Autoren auch Thumilan Selvakumaran zählt, Redakteur des zur SÜDWEST PRESSE gehörenden HALLER TAGBLATTS: „Geheimsache NSU. Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur“ lautet der Titel. Zehn Autoren, mehrheitlich Journalisten, nehmen in 15 Kapiteln mehrere Aspekte des Komplexes unter die Lupe.


Ein Schwerpunkt ist die bis heute rätselhafteste Tat, die dem NSU zugerechnet wird, der soganannte „Heilbronner Polizistenmord“ an der Beamtin Michèle Kiesewetter. Entsprechend spielen weite Strecken des überwiegend reportagehaft geschriebenen und gut redigierten Bandes nicht etwa in Ostdeutschland, wo das NSU-Trio wohnte, sondern in Baden-Württemberg.

Langwierige, penible Recherchen zeigen "die Spätzle-Connection", umfangreiche Verbindungen ins Ländle. Sie führen zu Ludwigsburger Neonazis, Ku-Klux-Klan-Rassisten mit Polizeimitgliedern in Schwäbisch Hall, dubiosen Spitzeln in der schwäbischen Provinz und unter unklaren Umständen in Stuttgart ums Leben gekommenen Zeugen. Manches, was im Buch steht, stand schon in der Zeitung, anderes weist in neuen Zusammenhängen auf neue Perspektiven hin, anderes ist völlig neu.

Das Buch hat nicht den Anspruch, die „ganze Wahrheit“ zu enthalten, gewissermaßen die Geschichte des NSU zu schreiben. Ob das überhaupt je geschehen wird, erscheint nach der Lektüre sogar fraglicher denn zuvor. Das Verdienst des Buches - das leider auf einen Anmerkungsapparat verzichtet, aber einen hilfreichen Zeitstrahl enthält - ist es vielmehr, Fragen zu stellen. Unangenehme Fragen, die Lücken und Widersprüche in offiziellen Darstellungen aufzeigen und den Behörden ein vernichtendes Zeugnis ausstellen: „Panne oder Absicht“, fragt Herausgeber Andreas Förster an einer Stelle, an der es um einen kapitalen Fehler der Spurensicherung geht. Die Frage ist so etwas wie das Leitmotiv dieses lesenswerten Bandes.

Info: Andreas Förster (Hg.): „Geheimsache NSU. Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur“. Klöpfer&Meyer, 315 Seiten, 20 Euro.


AXEL HABERMEHL
25.05.2014 
Ulm

Quelle - SWP
Foto: Klöpfer & Meyer Verlag

 

Last Updated on Sunday, 08 June 2014 18:24